Ausstellung "Begegnungen" Gernsbach 2015 - Eröffnungsrede

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Franziskanerm√∂nch Salimbene aus Parma berichtet in seiner zwischen 1238 und 1288 entstandenen Cronica über ein grausiges Experiment, welches Stauferkaiser Friedrich II. aufgrund seines ausgeprägten Wissendranges ehemals anordnen ließ. Um die Ursprache der Menschheit zu ergründen, soll er veranlasst haben, neugeborene Kinder nicht von ihren leiblichen Eltern, sondern von Ammen und Pflegerinnen aufziehen zu lassen. Für Nahrung und Sauberkeit war gesorgt, jedwede Ansprache oder emotionale Zuwendung aber untersagt. Befreit von äußeren Einflüssen sollten die Kinder - so die Idee - zu ihrer ureigenen Sprache finden.

„Ohne […] das fr√∂hliche Grimassenschneiden und die Liebkosungen ihrer Ammen“ aber waren die Kinder nicht überlebensfähig und starben. Wenn auch das überlieferte Experiment heute als Legende und Denunziationsversuch des Autors gewertet wird, beinhaltet es im Kern eine wahre Botschaft:
Der Mensch braucht im Leben Zuwendung und den gedanklichen Austausch um sich weiterentwickeln und persönlich wachsen zu können. Kein Literat hat dies treffender formuliert als der französische Schriftsteller Guy de Maupassant:
„Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.“

Die aus Anlass der Feierlichkeiten zum 50-jährigen Partnerschaftsjubiläum zwischen den Städten Gernsbach und Baccarat gestaltete und heute er√∂ffnete Ausstellung ist mit dem Titel „Begegnungen“ überschrieben. Eine Benennung, die vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse nicht gelungener hätte ausfallen k√∂nnen. Haben doch die Begegnungen und freudenreichen Zusammenkünfte seit dem Jahr 1965 zu dauerhafter Verbundenheit und Freundschaft geführt.

Stilleben mit AnanasAls V√∂lker verbindende, Dialog und Austausch f√∂rdernde Kraft ist es die Kunst, die heute im Zentrum der interkulturellen Kommunikation und Begegnung steht. Mit August Kutterer habe ich nun die Ehre Ihnen einen erstrangigen Künstler vorstellen zu dürfen, der sowohl mit Baccarat, als auch mit der Region um Gernsbach künstlerisch wie auch menschlich zeitlebens verbunden war.

In dem Fachmagazin Der Kunsthandel schreibt der Kritiker E. R. im Jahre 1953 über Kutterers Kunst:
„Dieser Maler ist ein ausgesprochener Impressionist, der von sich sagt, daß er, wenn es den Impressionismus nicht gegeben hätte, ihn sicher für sich erfunden haben würde.“

 

 


Betrachten wir Kutterers ausgestelltes Selbstbildnis mit Schirmmütze und Jackett an der Stirnwand des oberen Flures. Mit breiten, rasch gesetzten Pinselstrichen hat Kutterer sein eigenes Abbild in √Ėl gestaltet. Vor einem nicht näher definierten, monochromen Hintergrund aus grau und braun, zeigt sich der Künstler im Dreiviertelprofil en-face zum Betrachter. Stehend, mit selbstbewusst in Gürtel und Hosentasche gestemmten Händen blickt er den Besucher aus wohlmeinenden, wachen Augen an. Etwas spürbar Einfühlendes, Nähe Suchendes ist dem Werk Kutterers zu Eigen. Mit Fliege, Hemd, Jackett und sportlicher Schirmmütze bekleidet, präsentiert sich Kutterer als Lebemann chic-legère ganz in der Mode der 1920er Jahre. In der flüchtigen Malweise und der Wahl der Palette mag das Porträt an vergleichbar gestaltete Arbeiten des bekannten Berliner Impressionisten Max Liebermann erinnern.

Wir schreiben das Jahr 1927. Der 1898 - im Gründungsjahr der Berliner Secession - geborene Maler hat sein Studium an der Badischen Landeskunstschule in Karlsruhe eben erst beendet. Ausgehend von einer durch den renommierten Düsseldorfer Landschaftsmaler Johann Wilhelm Schirmer dort begründeten Lehrtradition, ist es die Landschaftsmalerei, die in Karlsruhe von Beginn an eine besondere Pflege erfährt. Mit der Berufung der Professoren Gustav Sch√∂nleber und Ludwig Dill - letzterer im Übrigen ein bedeutender Sohn der Stadt Gernsbach -, aber vor allem durch die Anstellung des dem Münchner Leibl-Kreis und der Berliner Secession nahestehenden Wilhelm Trübner, entwickelt sich in der badischen Residenzstadt eine von einer realistischen Intention ausgehende Schule impressionistischer Freilichtmalerei. Als Meisterschüler des bei Wilhelm Trübner ausgebildeten Malers Hermann Goebel ist es deshalb nicht verwunderlich, dass auch Kutterers Kunst ganz in der Tradition dieser Karlsruher Schule des Malerischen Realismus‘ steht.

Technische Finesse gekoppelt mit einer ehrlichen, am Impressionismus orientierten Handschrift zeichnen die Werke seines Schaffens aus. Gleich seinen Lehrern und impressionistischen Vorbildern ist es die Natur, ist es die Landschaft, die als Hauptthema sein umfangreiches Oeuvre bestimmt. Kraftvoll charakterisierende Porträtdarstellungen, exquisite Stilllebenarrangements, die er darüber hinaus zeitlebens gestaltet, finden – dank der großzügigen Leihgaben der Familie des Malers – in der heutigen Ausstellung auch gebührenden Raum. Machen Sie sich bewusst, meine sehr verehrten Damen und Herren, wie technisch vielseitig sich das Werk des Karlsruher Künstlers präsentiert. Neben der klassischen √Ėlmalerei, zeigt die Ausstellung flüchtige Zeichnungen, malerische Aquarelle sowie präzis ausgeführte, druckgraphische Arbeiten in Schwarz-weiß.

FeuerturmAls freischaffender Künstler lässt sich August Kutterer nach Beendigung seiner Studien im Herbst 1926 in seinem Heimatort Daxlanden, nahe Karlsruhe nieder. Bereits im darauffolgenden Jahr gewinnt er den Badischen Staatspreis für Malerei. Erste Ausstellungserfolge u. a. in Dresden, Berlin und Hannover machen seine Arbeiten auch überregional zunehmend bekannt. Zahlreiche Reisen führen ihn unter anderem nach Paris, Hamburg, Berlin und in die Schweiz. Kutterer steht Ende der 1920er Jahre am Beginn seiner künstlerischen Karriere. Die Bekanntschaft mit dem Hamburger Fabrikanten und Industriellensohn Georg Dralle jr. – Leiter der im Familienbesitz befindlichen Tochtergesellschaft im holländischen Schiedam – erm√∂glicht Kutterer zwischen 1929 und 1932 Aufenthalte an der holländischen Küste. Wie für Max Liebermann knapp 50 Jahre zuvor wird auch Holland für Kutterer zu einer Art „Malheimat“. In Volendam und Scheveningen, in den Hafenanlagen rund um Rotterdam entstehen Impressionen geprägt von Licht und zarter Farbe, von einer flüchtigen Leichtigkeit, ja ungemein atmosphärischen Wirkung. Zwei auserlesene Zeugnisse dieser für Kutterer so produktiven Schaffensperiode sind mit den beiden Arbeiten Feuerturm und Volendam in der heutigen Ausstellung zu sehen.

Der freundschaftliche Kontakt zu dem Kunsthändler und Geschäftsführer der Ständigen Kunstausstellung in Baden-Baden, Herrn Manfred Orthmann, führt Kutterer in jenen Jahren darüber hinaus wiederholt in die international besuchte Kurstadt, aber auch in die Schwarzwaldregion rund um Gernsbach. Das mondäne Baden-Baden, die malerischen Ausblicke des n√∂rdlichen Schwarzwalds reizen ihn zu künstlerischem Dialog und neuen motivischen Verarbeitungen.

Das um 1936 bei Glashütte, unweit der Stadt Gernsbach, entstandene Werk Laufbach überrascht durch ungeheure Nahsicht und die Ausschnitthaftigkeit des Bildmotivs. Wohlüberlegte Komposition und die Konzentration auf das Wesentliche leiten den Blick des Betrachters auf den titelgebenden Akteur der Leinwand: den rauschenden Lauf des Baches. Es ist Sommer. Das satte Grün der Wiesen, der harzige Duft der Tannen, die schattige Kühle des erquickenden Baches – meisterhaft hat Kutterer die Ästhetik des Schwarzwalds auf malerische Weise erfasst.

Wir schreiben das Jahr 1936. Die Machtergreifung Hitlers und die sich Ende der 1930er Jahre zuspitzende politische Lage wirken sich zunehmend negativ auf das künstlerische Fortkommen des Karlsruher Malers aus. Eine aussichtsreiche Ausstellungseinladung der renommierten Pariser Galerie Bernheim-Jeune kann Kutterer aufgrund der aktuellen politischen Situation im Jahre 1939 nicht mehr wahrnehmen.

GeorgierMit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wird auch Kutterer eingezogen. Als Oberleutnant in der 162. Turkmenischen Infanterie-Division hält er als Kriegsmaler Land und Kameraden in zahlreichen Aquarellen fest. Mit matten, gedeckten Farben schildert Kutterer Mensch wie Natur bar jeden propagandistischen Zugs. Keine heldenhaft-kriegerischen Soldaten blicken aus den Porträts dieser Zeit. Es ist vielmehr der Mensch, dessen individuelle Charakterzüge und Physiognomien Kutterer interessieren und die er mit Empathie und Wohlwollen schildert. Aserbaidschaner, Turkmene, Usbeke und Russe, ein Kirgise und Berggeorgier in traditioneller kaukasischer Tracht: all diese Porträts belegen die bunte Vielfalt der aus ausländischen Freiwilligenverbänden zusammengesetzten Truppeneinheit.

Derselbe wohlmeinende und sympathisierende Blick schildert daneben die Landschaften und Städte der durchquerten Länder. Kiew, Lubny und Mirogorod, Pohanca, Krakau und Udine – all diesen Städten begegnet Kutterer in dieser schweren und entbehrungsreichen Zeit. Die Eindrücke des schneereichen ukrainischen Winters, die mediterrane Atmosphäre des oberitalienischen Herbstes hält er in stimmungsvollen, zarten Bildern fest. Mit akribischer Sorgfalt sind Ort und Datum, mitunter auch Namen der Porträtierten notiert und belegen neben der künstlerischen Qualität, den dokumentarischen Wert dieser Werke.

Am 3. Mai 1945 gerät Kutterer in franz√∂sische Kriegsgefangenschaft. Über das Durchgangslager Vaucouleurs gelangt er im Juli in die lothringische Kristallbläserstadt Baccarat. Bis zum 24. März 1946 bleibt er in dem dortigen Gefangenlager für Offiziere inhaftiert. Der Genfer Konvention gemäß waren h√∂herrangige, internierte Militärs nicht verpflichtet Arbeitsleistungen zu erbringen. Hunger und Krankheit, endlose Langeweile, die Grübeleien über Erlebtes und eine ungewisse Zukunft führen zu hohen seelischen Belastungen der Gefangenen. Welch heilsame Wirkung Kunst, Musik und Kultur auf die geistige Verfassung der Inhaftierten hatte, berichtet Kutterers Mitgefangener Erich Hoffmann in seinen Tagebuchaufzeichnungen vom 1. September 1945:

„Erstmals war ein großes gemeinsames √∂ffentliches Singen von Volksliedern. Es war für uns alle erhebend, unsere sch√∂nen alten Volkslieder zu singen und zu h√∂ren. Die Veranstaltungen sollen nun laufend im Rahmen einer Kunst- und Kulturgemeinschaft […] stattfinden. Da wir bei unseren Kameraden einige namhafte Künstler auf allen Gebieten haben, verspricht es sehr gut zu werden.“

Trotz der schwierigen vorherrschenden Bedingungen, erm√∂glicht der franz√∂sische Lagerkommandant August Kutterer während der Zeit seiner Internierung das Malen. Er versorgt ihn nicht nur mit Farbmaterial und Papier, sondern befürwortet, wohl im Rahmen der stattfindenden Kulturwochen im Herbst 1945, eine Ausstellung seiner Werke. Die in jenen Tagen entstandenen Arbeiten zeigen verschiedene Ansichten und Interieurs der ehemaligen Kaserne Haxo, nord√∂stlich der Stadt. Bereits während der deutschen Besatzungszeit dienten die vor dem ersten Weltkrieg errichteten Truppenunterkünfte als Lager für Kriegsgefangene. Kein geringerer als Jean-Paul Sartre selbst war hier zeitweise interniert. Kutterers kleinformatige, fragile Zeichnungen und Aquarelle halten in flüchtigen Stimmungsbildern die provisorischen, teils verfallenen Quartiere fest. Eine gewisse Wehmut, ja Melancholie schwingt in den Werken dieser Tage mit. Und doch bettet der Maler voll Zuversicht die alternden Gebäude in eine wachsende Vegetation ein.

Durch die mit Werken Kutterers bestückte Lagerausstellung, die im Herbst 1945 auch franz√∂sische Zivilisten besuchen, kommt der Karlsruher Maler mit der Bev√∂lkerung Baccarats direkt in Kontakt. Zu Jean-Baptiste Geoffroy, selbst Maler und, wie Kutterer, begeisterter Anhänger der Freilichtmalerei, sowie zu dessen schriftstellerisch aktivem Sohn knüpft Kutterer enge, freundschaftliche Bande. Im Hause der kunstsinnigen, franz√∂sischen Familie, die sich um die leibliche wie auch geistige Gesundung des Gefangenen bemüht, hat Kutterer die M√∂glichkeit, Malunterricht zu geben. Nur wenige Monate nach Kriegsende - vor genau 70 Jahren also - entwickelt sich durch das verbindende Medium der Malerei eine deutschfranz√∂sische Freundschaft, die gleichsam als Paradebeispiel für erfolgreiche V√∂lkerverständigung und Überwindung hartnäckiger Vorurteile gelten kann.

In einem frei zitierten Brief zum Jahresende 1946 schreibt Monsieur Geoffroy an den nach Karlsruhe heimgekehrten Freund:
„Ebenso wie ihr, so erhoffen auch wir uns für das kommende Jahr ein bisschen Sicherheit und Zuversicht: es wäre so sch√∂n mit über 30 oder 40 Jahren Frieden rechnen zu k√∂nnen. Mit einem Mal k√∂nnten wir uns ganz den Landschaften, dem Reisen, dem Komfort und der Kunst widmen und uns nicht mit Gewehren, Panzerfäusten, Bomben und anderem kriegerischen Gerät beschäftigen.“

Worte allein k√∂nnen niemals die gesamten Facetten eines Künstleroeuvres beleuchten. Vor dem Hintergrund des 50-jährigen Partnerschaftsjubiläums und mit dem Bewusstsein der starken, tragenden Kraft der Kunst darf ich Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, nun dazu einladen, selbst zu schauen, zu begegnen und die Werke August Kutterers auf sich wirken zu lassen.

Herzlichen Dank!
© Edda Behringer, Kunsthistorikerin (M.A.)

 

Die Eröffnungsrede zum Anhören.